Der Moment. Unser Leben besteht aus unzähligen Momenten. Doch wie viele davon nehmen wir wirklich bewusst wahr? Je nach Lebensphase und Umständen gehen sie an uns vorbei – oder wir halten inne und spüren sie ganz. Gestern habe ich einen solchen besonderen Moment erlebt. Ich möchte euch daran teilhaben lassen. Es war in meinem Garten. Ich habe dort eine kleine, wilde Blumenwiese. Letztes Jahr haben wir einfach ein paar Tütchen Samen verteilt. Ohne großen Plan, einfach so. Und jetzt, im Frühling, kommen die ersten Blümchen. Ich stand gestern davor und habe sie mir angeschaut – und war irgendwie richtig berührt. Denn es waren diese besonderen Blümchen. Überall die blauen Vergissmeinnicht. Und da musste ich sofort an Jochen denken. Der Mann meiner Freundin. Und auch ein Freund von mir. Wir kannten uns schon lange, auch wenn wir die letzten Jahre nicht mehr viel Kontakt hatten. Aber es gibt so gemeinsame Erlebnisse, die bleiben einfach. Einmal sind wir zusammen nach Dänemark gefahren. Zu einem Simca-Treffen. Jochen hatte eine große Leidenschaft für diese Oldtimer. Und er hatte mich damals gefragt, ob ich ihn begleite und ein bisschen fotografiere. Ich hatte Lust darauf, einfach mal rauszukommen und etwas anderes zu sehen. Also sind wir losgefahren. Und sind ziemlich schnell stehen geblieben. Der Simca hat nicht lange durchgehalten. Dann wurde repariert, weitergefahren, wieder angehalten. Und irgendwie ging es trotzdem immer weiter. Am Ende sind wir angekommen- endlich. Zwar mit Hindernissen, aber genau das macht diese Erinnerung heute so besonders. Ist das Leben nicht spannend- erst recht durch Herausforderungen? Jochen ist letztes Jahr gestorben. Ich wusste, dass er krank war, aber trotzdem hat mich sein Tod sehr bestürzt. Er ist nicht sehr alt geworden. Und auch wenn wir nicht mehr viel Kontakt hatten, war da immer noch diese Verbindung- auch durch meine Freundin, die ich öfters gesehen habe. Die Vergissmeinnicht auf meiner Wiese kommen von seiner Beerdigung. Eine schöne Geste, eine Mitgabe an die Trauergäste. Diese kleinen Samentütchen, die man mitnimmt und erstmal gar nicht weiß, was daraus wird. Und jetzt wachsen sie hier, in meinem Garten. Ich stand gestern davor und habe an ihn gedacht. Ganz gerührt. Besondere Momente möchte ich auch fotografisch festhalten. Die Kamera- die am besten meine Emotionen zum Ausdruck bringen kann ist meine sx70. Ich habe ein Paar Vergissmeinnicht zum Sträußchen gebunden und ein Polaroid gemacht, um diesen Moment festzuhalten. Die Blumen, die Erinnerung, dieses Gefühl. Und ich habe gemerkt, wie schön dieser Gedanke ist: Dass etwas geht – und trotzdem etwas bleibt. In unseren Erinnerungen. In unseren Gedanken. Und manchmal auch ganz sichtbar, in so kleinen, blauen Blumen im eigenen Garten. Und ich freue mich darauf, das meiner Freundin zu erzählen, ihr das Bild zu schenken. Weil man daran sehen kann, dass ich an Jochen denke – und auch an sie. Und wie dankbar ich bin, dass ich ihn, diesen besonderen Menschen kennenlernen durfte. Dass es diese Momente mit ihm gab. Und vielleicht ist es genau das, was bleibt: Dass wir einander in Erinnerung behalten. Denn irgendwie ist man erst wirklich weg, wenn niemand mehr an einen denkt. Und vielleicht sind es genau diese Momente, die unser Leben still und leise unvergesslich machen.

Hinter den Bildern-bevor ich es vergesse

05-2026 /08-2018 Vergissmeinnicht

06/2006 Ein Souvenir für jemanden ganz Besonderen

Es war Frühsommer 2006. Ich hatte gerade erfahren, dass ich schwanger bin. Unser Urlaub war da aber schon längst geplant: eine Motorradtour nach Norwegen. Ich selbst bin nicht gefahren, ich bin nur mitgefahren. Wir waren damals auch noch nicht lange zusammen. Und so eine Reise zeigt einem ja ziemlich schnell, wie ein Mensch wirklich ist – und wie man selbst ist. Zu der Zeit war ich furchtbar müde – ganz typisch für den Anfang einer Schwangerschaft. Trotzdem wollte ich kein Spielverderber sein. Also habe ich mich darauf eingelassen, obwohl ich ziemlich schnell gemerkt habe, dass ich das Reisen mit dem Motorrad unterschätzt hatte. Jeden Tag weiterfahren, jeden Tag das Zelt an einem neuen Ort auf- und abbauen – das war wirklich anstrengend. Und es gab Momente, da habe ich ernsthaft darüber nachgedacht, einfach in einen Zug zu steigen. Zurück nach Hause. In die Sicherheit, in die Ruhe. Einfach raus aus dieser Anstrengung. Aber ich bin geblieben. Vielleicht, weil ich es durchziehen wollte. Vielleicht auch, weil da schon dieses Gefühl war, dass wir da gemeinsam durchgehen. Aber so sind Urlaube ja oft: Im Nachhinein erinnert man sich vor allem an das Gute. Ich war die ganze Zeit auch ein bisschen in Sorge um das Ungeborene. Gleichzeitig war da diese Vorfreude. Irgendwo unterwegs habe ich sogar ein kleines Kuscheltier als Souvenir gekauft – für später. Es war Juni, und wir konnten tatsächlich baden gehen. Ich hatte keinen Badeanzug dabei, aber meine Sportunterwäsche ging auch. Es war ein schönes Gefühl, einfach in das kalte, erfrischende Wasser zu springen. Und dann gab es da diese eine Situation, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. Wir waren in Lillehammer. Man kennt den Ort ja von den Olympischen Winterspielen, aber wir waren im Sommer dort und wollten das Museum besichtigen. Wir durften noch rein, aber die Geschäfte waren schon am Schließen oder bereits zu. Und wir hatten richtig Durst. Wir sind noch ein bisschen über das Gelände geschlendert und haben überlegt, ob wir irgendwo noch etwas bekommen könnten. Dann haben wir eine offene Tür entdeckt. Wir sind einfach reingegangen und haben nach jemandem gerufen – aber es kam keine Antwort. Drinnen stand ein Kühlschrank. Wir haben uns kurz angeschaut, dann haben wir uns etwas zu trinken genommen. Ganz unkompliziert. Wir haben Geld auf den Tresen gelegt und sind wieder gegangen. Draußen waren wir einfach nur froh, dass wir doch noch etwas bekommen hatten. Die Schwangerschaft verlief weiterhin gut. Aber dieser Urlaub ist mein einziger Motorradurlaub geblieben. Anstrengend war er auf jeden Fall – aber eben auch unvergesslich.

Das Hochzeitskleid – eine wichtige Angelegenheit Im Jahr 2010 war ich auf der Suche nach meinem Hochzeitskleid. Ich hatte ganz klare Vorstellungen: Auf keinen Fall sollte es unpraktisch sein, soetwas wie einen Reifrock haben- ich wollte doch noch alleine auf Klo gehen können ohne fremder Unterstützung- und es musste unbedingt langärmelig sein. Ich wollte im September heiraten und hatte weder Lust auf ein Jäckchen noch darauf zu frieren. Also fuhr ich in das größte Brautgeschäft in Schleswig-Holstein, nach Tellingstedt – doch dort gab es kein einziges langärmeliges Kleid. Irgendwann begann ich, Kataloge durchzublättern, in der Hoffnung, auf diesem Weg mein Traumkleid zu finden. Und dann – ganz plötzlich – blieb mein Blick hängen. Es war nur ein kleines Bild. Unscheinbar eigentlich. Und doch wusste ich im selben Moment: Das ist es. Ich war schockverliebt. Der Schnitt, die Klarheit, die Eleganz – und vor allem die feinen Blumen als Detail. Ich hatte gleich dieses Bauchgefühl, es unbedingt haben zu müssen. Ich war wie verzaubert. Die Anzeige stammte von einem Brautladen in Hamburg, etwa eineinhalb Stunden Autofahrt entfernt. Ich rief dort an. Die Frau am Telefon war zunächst irritiert und sagte, sie hätten kein langärmeliges Kleid im Sortiment. Der Trend geht zu "mehr Haut zeigen". Doch ich beschrieb ihr das Bild so genau wie möglich – und plötzlich machte es bei ihr Klick. „Sie haben einen ziemlich individuellen Geschmack“, sagte sie. „Dieses Kleid hatten wir einmal im Bestand – in den 80er Jahren. Offenbar werben wir noch immer damit in einigen kleinen Zeitschriften.“ Natürlich hatten sie genau dieses Kleid nicht mehr. Aber sie bot mir an, dass es noch ein Schnittmuster gäbe. Nach einigem Überlegen lehnte ich ab. Ich war damals in der Ausbildung zur Erzieherin und Mama eines 4 jährigen Sohnes und hatte ohnehin schon sehr viel zu tun. Mehrere Termine für Anproben und Anpassungen in Hamburg – das war für mich schlicht nicht machbar. Also beschloss ich, in meiner Nähe weiterzusuchen – in der Hoffnung, ein Kleid zu finden, das sich nach meinen Vorstellungen verändern ließ. Und tatsächlich: Ich wurde fündig. In Husum fand ich ein Kleid, das angepasst wurde – und so entstand Schritt für Schritt genau mein Hochzeitskleid. Das Besondere an dem Kleid sind wohl die Blumen. Zu damaligem Zeitpunkt noch nicht so in meinem Fokus. Heute jedoch spielen Blumen in meinem Leben eine große Rolle. Wer mich kennt, weiß, wie gerne ich sie fotografiere – am liebsten mit meiner Polaroid SX70. Ich halte Momente fest, den Anlass zu dem sie verschenkt wurden oder ich mich damit selbst belohne. Details, Stimmungen, ihre Schönheit- vor allem in der Vergänglichkeit sind sie für mich am schönsten. Auch wenn diese Ehe nicht mehr besteht, würde ich es schade finden, keine Bilder mehr von diesem Tag zu haben oder zumindest sie nicht meinen Kindern zu zeigen. Es war ein wichtiger Moment in meinem Leben – mit einem Menschen, der auch der Vater meiner beiden Söhne ist. Wir haben vielleicht nicht zusammengepasst, aber wir sind Eltern geblieben. Und mit der Zeit ist auch wieder Respekt gewachsen.

09/2010 mein Blumenkleid

2008 – wir lebten bereits zusammen, in Geltorf, einem kleinen Dorf in Schleswig-Holstein. Unser Sohn war fast zwei Jahre alt. Aufgeregt rief er mich an und fragte, ob ich etwas dagegen hätte, einem japanischen Motorradfahrer zu erlauben, sein Zelt in unserem Garten aufzuschlagen. Natürlich war ich einverstanden – überrascht war ich trotzdem, denn mein Lebensgefährte war sonst nie so spontan, schon gar nicht, wenn es um fremde Menschen ging. Das war eher mein Ding: Besuch einladen – was nicht immer gerne gesehen war. Sie kamen, und es wurde ein wunderbar entspannter Nachmittag und Abend. Unser Gast wollte unbedingt in seinem Zelt übernachten, obwohl wir genügend Platz im Haus gehabt hätten. Er war auf der Durchreise und hatte auf der Suche nach einem Campingplatz meinen Freund in einem Motorradladen angesprochen. Es wurde ein unvergesslicher Tag. Gebannt lauschten wir seinen Geschichten über Japan und seine Reiseerlebnisse – besonders von seiner Zeit in der UdSSR. Leider erinnere ich mich heute weder an Details noch an seinen Namen. Eine Zeit lang habe ich mich gefragt, ob er wohl gesund in seine Heimat zurückgekehrt ist – in ein Land, das ihn damals eher negativ gestimmt hatte, das er als hektisch und profitorientiert empfand. Auch wenn ich seinen Namen vergessen habe – ihn selbst werde ich nie vergessen. Und auch nicht die besondere Atmosphäre dieses Abends. Ich wünschte, wir hätten mehr solcher spontanen Begegnungen gehabt. Ich mag es, wenn Fremde sich begegnen und für einen kurzen Moment eine inspirierende Verbindung entsteht – selbst wenn sie flüchtig ist. Was bleibt, sind die Erinnerungen.

08/2008 Ein besonderer Gast

Fotos von 2004-2006 Die Zeit beim Bund

Zeit bei der Bundeswehr. Meine Verwendung dort nannte sich Fotosoldatin, mit einer Zweitverwendung als ABC-Soldatin – also alles rund um atomare, biologische und chemische Kampfstoffe. Klingt erstmal spannend, und ja, in vielen Übungen hatte das auch etwas fast schon Spielerisches: mit Maske und Overgarment ausgerüstet, irgendwo zwischen Ernstfall und Inszenierung. Von 2001 bis 2008 war ich beim AG51 „Immelmann“ in Jagel stationiert. Wenn ich mir heute die wenigen Bilder aus dieser Zeit anschaue, fällt mir auf, wie selten ich darauf lächle. Es gab nicht viele Menschen, in deren Gegenwart ich mich wirklich wohlgefühlt habe. Manchmal habe ich mich ernsthaft gefragt, welcher Teufel mich geritten hat, diesen Weg einzuschlagen. Klar – der Job war sicher, und ich konnte endlich raus aus Paderborn, hoch in den Norden. Aber innerlich fühlte ich mich oft fehl am Platz. Es waren mir einfach zu viele Menschen, zu viele Situationen, in die ich hineingeworfen wurde – oft mitten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Und das als jemand, der von Natur aus eher still ist, introvertiert, jemand, der um jeden Preis nicht auffallen wollte. Was natürlich ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen war – erst recht als eine der ersten Frauen dort. Eine Anekdote ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Frisch aus der Grundausbildung in Goslar in Jagel angekommen, war ich noch Soldatin nach Lehrbuch. Alles wurde genau so gemacht, wie man es gelernt hatte. Das ganze Geschwader nahm an einer mehrtägigen Kriegsübung teil. Nichts lief wie im normalen Alltag – und trotzdem fühlte ich mich irgendwie gut in meiner Rolle. Morgens das G36 empfangen, mit dem Shuttlebus zum Arbeitsshelter fahren, dort meiner Tätigkeit nachgehen – in meinem Fall: die Filmentwicklung der Aufnahmen, die die Tornados mit ihren Kameras gemacht hatten. Irgendwann dann Mittagessen. Und genau dann ging der Alarm los. Ich ließ mein Essen stehen, schnappte mir Gewehr und Ausrüstung und rannte los zum Schutzbunker. Dort wurde ich von einem „Checker“ nach Namen und Einsatzstelle gefragt. Ich weiß noch, dass ich mich gerade am Anfang meiner Dienstzeit oft gefühlt habe wie Forrest Gump – irgendwie mittendrin, aber nicht ganz sicher, wie ich eigentlich hier gelandet bin und was ich da genau tue. Nach der Übung gab es natürlich eine Auswertung unserer „Kriegsleistung“. Das Fazit war eher durchwachsen: viele Mängel, wenig Enthusiasmus. Aber eine Person wurde ausdrücklich positiv hervorgehoben. Eine gewisse Hauptgefreite Perz. Begründung: Während mehrere Piloten seelenruhig ihr Mittagessen weitergeführt hatten und sich vom Alarm wenig beeindrucken ließen, hatte ich wohl alles stehen und liegen gelassen und vorbildlich reagiert – und sie damit ziemlich alt aussehen lassen. Das war einer dieser seltenen Momente, in denen ich – ungeplant und eigentlich gegen meine Natur – doch irgendwie aufgefallen bin. Ich hab trotzdem das Beste draus gemacht, wie eigentlich immer. Auch wenn es nicht ganz das war, was ich mir erhofft hatte. Eigentlich bin ich ja zur Bundeswehr gegangen, um mehr von der Welt zu sehen. Da wäre definitiv mehr drin gewesen. Ein bisschen was gab’s dann doch. Ich war in Polen beim NATO Air Meet. Die polnischen Kameraden haben mich oft erstmal für eine Deutsche gehalten, die ziemlich gut Polnisch spricht – was ich ganz witzig fand. Irgendwann hab ich dann einfach einen Satz meiner Flecktarn-Uniform gegen eine polnische getauscht. Die waren total scharf auf unsere BW-Klamotten. War mehr so ein Ding aus Sympathie als alles andere. Mit der Bundeswehr war ich auch ein paar Mal in Bayern unterwegs. So hab ich wenigstens Nürnberg, München und Fürstenfeldbruck gesehen. Auch nicht schlecht, aber eben nicht das, was ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Was mich wirklich geärgert hat: Bei vielen Einsätzen, auf die ich richtig Lust gehabt hätte, bin ich übergangen worden. El Paso ist mir da besonders hängen geblieben – zwei Jahre dorthin, das hätte ich sofort gemacht. Genau deswegen war ich ja eigentlich da, mehr von der Welt sehen. Und ganz nebenbei hätte ich dort mein Englisch auf ein ganz anderes Level bringen können. Auch wenn die Bundeswehr nicht der passendste Ort für mich war, gab es viele Momente, in denen ich sogar vergessen konnte, dass ich Soldatin war – vor allem dann, wenn ich meiner Fotografie nachgehen konnte. Und dafür gab es im Rahmen meines Dienstes als Fotosoldatin viel Raum. Besonders prägend waren Zeiten, in denen wir großformatige Hand-Baryt-Abzüge für Ausstellungen in Berlin erstellten oder Fotoausstellungen besuchten, wie zum Beispiel die von Astrid Kirchherr über ihre Zeit mit den Beatles. Auch zwischendurch wurde es gern gesehen, wenn man sich weiterbilden wollte – sei es fotografisch oder sportlich. So konnte man jederzeit etwas für die eigene Gesundheit tun, etwa bei Laufrunden über den Flugplatz von rund 10 Kilometern. Joggen- das war voll mein Ding. Rückblickend war es wohl auch mein Schicksalsort, denn dort habe ich den Vater meiner ältesten Kinder kennengelernt. Auch wenn wir heute kein Paar mehr sind, bleiben wir durch unsere Kinder verbunden – als Eltern und als Menschen, die ein Leben lang in dieser besonderen Verbindung zueinander stehen werden.

Pressefotografenlehrgang Fürstenfeldbruck 2004

Der tägliche Blick aus dem Fenster- AG51 "I" Jagel

Ich war ein Fall für den Kieferorthopäden – allerdings ein etwas spezieller. Ein sogenannter Kreuzbiss. Bereits mit 16 Jahren legten die Ärzte meinen Eltern nahe, einer Operation zuzustimmen, da sich diese Fehlstellung nicht allein mit einer Zahnspange beheben ließ. Meine Eltern wollten das nicht. Sie hatten Angst vor möglichen Folgen, etwa Nervenbeschädigungen, die zu einem Verlust des Geschmackssinns hätten führen können. Ich war traurig, denn ich fühlte mich nicht wohl in meinem Gesicht. In meiner Jugend war ich eher still, hatte viele Komplexe und litt zusätzlich unter Verspannungen im Kiefer- und Nackenbereich. Viel drehte sich um mein Aussehen. Da ich an meinen Zähnen nichts ändern konnte, versuchte ich zumindest, meine Figur zu kontrollieren. Nachdem herbeigeführtes Erbrechen für mich nicht funktionierte, entdeckte ich das Hungern. Zum Glück war das nur eine Phase, die mit meinem ersten Freund mit 17 endete. Das Thema mit meinem Kiefer blieb jedoch. Erst der Eintritt in die Bundeswehr und die räumliche Distanz zum Elternhaus brachten mich meiner Gesundheit wieder näher. Mit 24 bekam ich schließlich meine erste feste Zahnspange – als einjährige Vorbereitung auf die Operation im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg-Wandsbek. Ich hatte große Angst davor. Die Aufklärung war sehr ausführlich: eine etwa achtstündige Operation, bei der beide Kiefer gebrochen und außerhalb der Mundhöhle neu positioniert werden. Ich hoffte sehr, dass wenigstens meine Mutter bei mir sein würde. Sie sagte zunächst zu, und ich organisierte sogar ein kostenfreies Zimmer für Angehörige. Kurzfristig sagte sie jedoch ab – ohne einen wirklich nachvollziehbaren Grund. Ich war also allein. Ein bitterer Vorgeschmack auf Situationen, die sich später in meinem Leben noch öfter wiederholen sollten. Die Operation verlief gut. Ich blieb zwei Wochen im Krankenhaus und durfte außer Gemüsebrühe, schwarzem Kaffee und Wasser nichts zu mir nehmen. Zwar hätte ich über eine Nasensonde ernährt werden können, doch das führte zu Übelkeit – und das wäre gefährlich gewesen, da meine Zähne komplett verdrahtet waren. Deshalb musste ich ständig eine Schere um den Hals tragen. Ich teilte mir das Zimmer mit einer netten Frau – ich glaube, sie hieß Gudrun. Sie bekam fast täglich Besuch von ihrem Mann und ihrem Sohn, der mich mit den neuesten DVDs versorgte. Vor meinem Krankenhausaufenthalt hatte ich mir selbst einige meiner Lieblingsfilme gekauft. Meine Top 2 waren „Einer flog über das Kuckucksnest“ und „Coming Home“. Die Kilos purzelten schneller, als ich schauen konnte. In dieser Zeit musste ich oft an meine früheren Diäten denken und schwor mir, nie wieder freiwillig so zu hungern. In den 14 Tagen verlor ich 8 Kilo – bei einer Größe von 1,71 m fühlten sich 52 Kilo viel zu wenig an. Ich fühlte mich in dieser Zeit sehr einsam. Kurz zuvor war mein damaliger Freund aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen – auf Druck meines Arbeitgebers. Er war kein guter Umgang für mich; ich hätte sonst meinen Posten im Sicherheitsbereich verloren. Obwohl ich starke Gefühle für ihn hatte, spürte ich, dass sie nicht ehrlich erwidert wurden. Dennoch war er der Erste, der mich im Krankenhaus besuchte. Zurück blieb bei mir jedoch ein beschämendes Gefühl, als er mich um Geld für ein Zugticket bat. Einen Tag vor meiner Entlassung kamen meine Freundin mit ihren erwachsenen Kindern und auch meine Eltern zu Besuch. Ich wusste, dass ich furchtbar aussah – geschwollen und abgemagert. Umso mehr traf es mich, dass meine Mutter es nicht schaffte, mich wirklich anzusehen. Stattdessen sagte sie Dinge darüber, wie gut ich doch aussehen würde. Ich war immer noch sehr enttäuscht, sagte aber nichts. Woran ich mich auch erinnere, ist meine erste Mahlzeit. Ich durfte etwas Weiches essen und bestellte beim Bäcker um die Ecke eine Marzipan-Nuss-Torte. Ich habe sie genossen – aber als „essen“ würde ich es nicht bezeichnen. Ich traute mich nicht zu kauen und schluckte sie in kleinsten Bissen herunter. In den Wochen danach fühlte ich mich traurig. Allein mit meiner Katze Dory lebte ich in meiner kleinen, hübschen Stadtwohnung in Schleswig. Tagsüber ging ich nicht hinaus, aber nachts, wenn ich sicher sein konnte, niemandem zu begegnen, genoss ich meine Spaziergänge. Auch wenn die Operation und der Heilungsprozess schmerzhaft und langwierig waren, bin ich heute froh, dass ich mich den Meinungen meiner Familie und Freund widersetzt habe. Ich konnte so mehr an meinem Selbstbewusstsein arbeiten, fühlte mich allmählich etwas hübscher und war nicht eingeschüchtert, wenn ich direkt angeschaut wurde.

09/2004 Ein neues Gesicht

zwei Tage nach der OP