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bevor ich es vergesse

09/2004 Ein neues Gesicht

Ich war ein Fall für den Kieferorthopäden – allerdings ein etwas spezieller. Ein sogenannter Kreuzbiss. Bereits mit 16 Jahren legten die Ärzte meinen Eltern nahe, einer Operation zuzustimmen, da sich diese Fehlstellung nicht allein mit einer Zahnspange beheben ließ. Meine Eltern wollten das nicht. Sie hatten Angst vor möglichen Folgen, etwa Nervenbeschädigungen, die zu einem Verlust des Geschmackssinns hätten führen können. Ich war traurig, denn ich fühlte mich nicht wohl in meinem Gesicht. In meiner Jugend war ich eher still, hatte viele Komplexe und litt zusätzlich unter Verspannungen im Kiefer- und Nackenbereich. Viel drehte sich um mein Aussehen. Da ich an meinen Zähnen nichts ändern konnte, versuchte ich zumindest, meine Figur zu kontrollieren. Nachdem herbeigeführtes Erbrechen für mich nicht funktionierte, entdeckte ich das Hungern. Zum Glück war das nur eine Phase, die mit meinem ersten Freund mit 17 endete. Das Thema mit meinem Kiefer blieb jedoch. Erst der Eintritt in die Bundeswehr und die räumliche Distanz zum Elternhaus brachten mich meiner Gesundheit wieder näher. Mit 24 bekam ich schließlich meine erste feste Zahnspange – als einjährige Vorbereitung auf die Operation im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg-Wandsbek. Ich hatte große Angst davor. Die Aufklärung war sehr ausführlich: eine etwa achtstündige Operation, bei der beide Kiefer gebrochen und außerhalb der Mundhöhle neu positioniert werden. Ich hoffte sehr, dass wenigstens meine Mutter bei mir sein würde. Sie sagte zunächst zu, und ich organisierte sogar ein kostenfreies Zimmer für Angehörige. Kurzfristig sagte sie jedoch ab – ohne einen wirklich nachvollziehbaren Grund. Ich war also allein. Ein bitterer Vorgeschmack auf Situationen, die sich später in meinem Leben noch öfter wiederholen sollten. Die Operation verlief gut. Ich blieb zwei Wochen im Krankenhaus und durfte außer Gemüsebrühe, schwarzem Kaffee und Wasser nichts zu mir nehmen. Zwar hätte ich über eine Nasensonde ernährt werden können, doch das führte zu Übelkeit – und das wäre gefährlich gewesen, da meine Zähne komplett verdrahtet waren. Deshalb musste ich ständig eine Schere um den Hals tragen. Ich teilte mir das Zimmer mit einer netten Frau – ich glaube, sie hieß Gudrun. Sie bekam fast täglich Besuch von ihrem Mann und ihrem Sohn, der mich mit den neuesten DVDs versorgte. Vor meinem Krankenhausaufenthalt hatte ich mir selbst einige meiner Lieblingsfilme gekauft. Meine Top 2 waren „Einer flog über das Kuckucksnest“ und „Coming Home“. Die Kilos purzelten schneller, als ich schauen konnte. In dieser Zeit musste ich oft an meine früheren Diäten denken und schwor mir, nie wieder freiwillig so zu hungern. In den 14 Tagen verlor ich 8 Kilo – bei einer Größe von 1,71 m fühlten sich 52 Kilo viel zu wenig an. Ich fühlte mich in dieser Zeit sehr einsam. Kurz zuvor war mein damaliger Freund aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen – auf Druck meines Arbeitgebers. Er war kein guter Umgang für mich; ich hätte sonst meinen Posten im Sicherheitsbereich verloren. Obwohl ich starke Gefühle für ihn hatte, spürte ich, dass sie nicht ehrlich erwidert wurden. Dennoch war er der Erste, der mich im Krankenhaus besuchte. Zurück blieb bei mir jedoch ein beschämendes Gefühl, als er mich um Geld für ein Zugticket bat. Einen Tag vor meiner Entlassung kamen meine Freundin mit ihren erwachsenen Kindern und auch meine Eltern zu Besuch. Ich wusste, dass ich furchtbar aussah – geschwollen und abgemagert. Umso mehr traf es mich, dass meine Mutter es nicht schaffte, mich wirklich anzusehen. Stattdessen sagte sie Dinge darüber, wie gut ich doch aussehen würde. Ich war immer noch sehr enttäuscht, sagte aber nichts. Woran ich mich auch erinnere, ist meine erste Mahlzeit. Ich durfte etwas Weiches essen und bestellte beim Bäcker um die Ecke eine Marzipan-Nuss-Torte. Ich habe sie genossen – aber als „essen“ würde ich es nicht bezeichnen. Ich traute mich nicht zu kauen und schluckte sie in kleinsten Bissen herunter. In den Wochen danach fühlte ich mich traurig. Allein mit meiner Katze Dory lebte ich in meiner kleinen, hübschen Stadtwohnung in Schleswig. Tagsüber ging ich nicht hinaus, aber nachts, wenn ich sicher sein konnte, niemandem zu begegnen, genoss ich meine Spaziergänge. Auch wenn die Operation und der Heilungsprozess schmerzhaft und langwierig waren, bin ich heute froh, dass ich mich den Meinungen meiner Familie und Freund widersetzt habe. Ich konnte so mehr an meinem Selbstbewusstsein arbeiten, fühlte mich allmählich etwas hübscher und war nicht eingeschüchtert, wenn ich direkt angeschaut wurde.